Interview · In der Praxis

Videorecruiting in der Praxis: Gespräch mit Daniel Merkel

Warum Videos im Recruiting helfen, ehrlicher und klarer zu werden.

Karlsruhe, 03.12.2025

Daniel Merkel, Gründer von JOBSAROUND und Inhaber der Agentur DER PUNKT in Karlsruhe
Daniel Merkel, Gründer JOBSAROUND · Inhaber DER PUNKT, Karlsruhe

HR Magazin

Daniel, die meisten unserer Leser kennen dich noch nicht. Wer bist du und was machst du?

Daniel Merkel

Ich komme aus der Agenturwelt, aus Karlsruhe. Ich bin Inhaber von DER PUNKT und habe vor gut zehn Jahren JOBSAROUND gestartet. Wir drehen Video-Stellenanzeigen und helfen Unternehmen dabei, ihr Recruiting Schritt für Schritt auf Video umzustellen. Es geht bei uns um echte Jobs, echte Menschen und Alltagssituationen, nicht um Hochglanzkino.

HR Magazin

Warum ist dir Video im Recruiting so wichtig?

Daniel Merkel

Wir sehen seit Jahren, wie Leute reagieren. Viele sagen im Gespräch: „Ich habe das Video gesehen, das hat sich gut angefühlt.“ Das ist viel Bauchgefühl. Wenn ich sehe, wie jemand spricht, wie der Ton ist, wie es in der Halle oder im Büro aussieht, kann ich besser einschätzen, ob das zu mir passt. Text kann viel erklären, aber dieses Bild im Kopf entsteht leichter über Bild und Ton.

HR Magazin

Also ist Recruiting ohne Video für dich ein Problem?

Daniel Merkel

Nicht grundsätzlich. Es gibt Stellen, die kriegst du auch mit einer guten Textanzeige besetzt. Aber je enger der Markt wird, desto wichtiger wird der Eindruck vom Miteinander. Da hilft Video spürbar. Wir merken das überall dort, wo es um Fachkräfte geht, um Quereinstieg oder um Leute, die fest im Job sind und nur locker überlegen zu wechseln.

HR Magazin

Wie läuft so ein Projekt bei euch ab?

Daniel Merkel

Meistens starten wir damit, dass wir uns den Job und die Zielgruppe in Ruhe erklären lassen. Dann schauen wir, welche Menschen vor die Kamera passen. Schichtleiter, Kolleginnen, Azubis, Führungskräfte. An einem Drehtag nehmen wir Interviews und Alltagsszenen auf. Daraus bauen wir mehrere Formate. Ein kurzer Clip für Social, ein konkretes Jobvideo direkt in der Stellenanzeige und oft noch ein ruhigeres Video zu Themen wie Onboarding oder Entwicklung.

HR Magazin

Viele Unternehmen haben dieses „eine Recruitingvideo“. Was sagst du dazu?

Daniel Merkel

Das ist ein Anfang, aber alleine selten wirksam. Oft liegt dieses Video irgendwo auf der Karriereseite und wird kaum gefunden. Aus meiner Sicht ist es sinnvoller, in mehrere kleine Bausteine zu denken. Ein Teaser, der Lust macht. Ein Video, in dem jemand den Job klar beschreibt. Und vielleicht noch ein Clip, in dem jemand offen sagt, was anstrengend ist und was trotzdem für den Job spricht. Für Kandidaten ist das nachvollziehbarer als ein großer Imagefilm.

HR Magazin

Reichweite ist trotzdem das große Thema. „Wir brauchen mehr Sichtbarkeit.“ Wie gehst du damit um?

Daniel Merkel

Sichtbarkeit ist wichtig, klar. Wir haben aber immer wieder erlebt, dass eine Kampagne mit klassischer Anzeige und Stockfoto zwar viele Leute erreicht, aber kaum passende Bewerbungen bringt. Wenn wir dieselbe Zielgruppe später mit einem einfachen, klaren Video aus dem Team ansprechen, kommen weniger neugierige Klicks, aber mehr passende Gespräche zustande. Seit solchen Erfahrungen schaue ich zuerst auf die Geschichte und erst dann auf die Reichweite.

HR Magazin

Benefits sind in jeder Anzeige. Was funktioniert aus deiner Sicht wirklich?

Daniel Merkel

Listen sind okay als Übersicht. Viel Wirkung entsteht dort aber nicht. Jobrad, flexible Zeiten, nettes Team, das steht fast überall. Spannend wird es, wenn Menschen dahinter sichtbar werden. Die Kollegin nach der Elternzeit, die erzählt, wie ihr Einstieg lief. Der Meister, der erklärt, wie Schichten wirklich getauscht werden. Die Azubis, die berichten, warum sie geblieben sind. Solche Szenen bleiben bei Bewerbern hängen. Wenn jemand im Gespräch sagt „Das habe ich im Video gesehen“, weißt du, dass es eine Rolle gespielt hat.

HR Magazin

Wie stark arbeitet ihr mit der Candidate Journey?

Daniel Merkel

Ziemlich stark, aber eher pragmatisch. Wir überlegen: Wo begegnet jemand dem Arbeitgeber zum ersten Mal, und was braucht diese Person an der Stelle. Beim Scrollen auf dem Sofa genügt ein erster Eindruck. Auf der Karriereseite braucht es mehr Klarheit. Im späteren Prozess zählen Details. In einem Klinikprojekt hatten wir oben kurze Clips von jungen Pflegekräften, die ihren Alltag zeigen. Weiter unten haben Oberärztinnen sehr klar erklärt, wie die Arbeit organisiert ist. Die Rückmeldung aus HR war, dass die Gespräche damit konkreter und ehrlicher wurden.

HR Magazin

Du betonst oft Sprache. Dialekt, Landessprache, Untertitel. Warum?

Daniel Merkel

Weil wir gemerkt haben, wie stark das wirken kann. Wir hatten ein Video aus einer Werkhalle, tief badischer Dialekt. Vorher gab es die Sorge, ob das professionell genug ist. Die Rückmeldungen waren sehr positiv. Viele haben geschrieben, dass sie sich abgeholt fühlen, weil da jemand spricht wie sie selbst. Dialekt kann Nähe schaffen, wenn er zum Umfeld passt. Im internationalen Kontext ist es ähnlich. Wenn wir in der Landessprache sprechen und gut untertiteln, fühlen sich Menschen eher eingeladen. Das ist keine große Theorie, eher eine bewusste Nutzung von etwas, das sowieso da ist.

HR Magazin

Wo siehst du die größte Hürde, wenn Unternehmen mit Videorecruiting starten wollen?

Daniel Merkel

Technik ist meist nicht das Problem. Kameras, Licht, Schnitt lässt sich organisieren. Die größere Hürde liegt oft in der Haltung. Bin ich bereit, echte Menschen sprechen zu lassen, auch wenn nicht jeder Satz perfekt klingt. Bin ich bereit zu zeigen, was anstrengend ist. In Projekten, in denen Führungskräfte sagen „Wir zeigen es so, wie wir es erleben“, entstehen Videos, die glaubwürdig wirken und passende Leute anziehen. Wenn alles bis ins Kleinste glattgezogen werden soll, verschwindet viel von dem, was interessant wäre.

HR Magazin

Du sitzt mit HR und Marketing an einem Tisch. Wie kriegst du beide zusammen?

Daniel Merkel

Indem wir offen machen, was beiden wichtig ist. Marketing schaut stark auf Bilder und Geschichten. HR schaut auf Passung, Prozesse und interne Freigaben. Wenn eine Seite alles vorgibt, kippt das Ergebnis. Nur Marketing wirkt schnell zu werblich, nur HR wird sehr vorsichtig. Gute Ergebnisse sehen wir, wenn beide mit dem Fachbereich gemeinsam entscheiden, wer spricht, was gesagt werden soll und was man zeigt. Aus solchen Runden kommen oft genau die Szenen, die später als ehrlich beschrieben werden.

HR Magazin

Wohin entwickelt sich JOBSAROUND mit eurem Relaunch nächstes Jahr?

Daniel Merkel

Wir haben in den letzten Jahren sehr viele Interviews gedreht und Stellenvideos produziert und dabei viel gelernt. Zum Beispiel, welche Fragen bei Kandidaten gut ankommen, welche Szenen angeschaut werden und an welchen Stellen Leute abbrechen. Beim Relaunch wollen wir dieses Wissen stärker in die Plattform einbauen. JOBSAROUND wird noch mehr auf Videorecruiting als System ausgerichtet sein. Also bessere Einbindung in Stellenanzeigen, die Möglichkeit, aus einem Interview mehrere Clips zu machen, und eine Ausspielung, die sich an der Reise der Kandidaten orientiert. Das passt gut zu meiner Sicht auf HR: weg von einzelnen Aktionen, hin zu einem Set an Formaten, mit denen Unternehmen dauerhaft sichtbar bleiben.

HR Magazin

Dein Tipp zum Schluss für alle, die mit Videorecruiting anfangen wollen?

Daniel Merkel

Klein anfangen und ehrlich bleiben. Einen Job auswählen, der wichtig ist, und überlegen: Wen würde ich mir als Kandidat gerne anschauen. Diese Person erzählen lassen und echte Situationen zeigen. Wenn danach ein paar Bewerber im Gespräch sagen „Das Video hat mir geholfen, mir euch vorzustellen“, ist das ein gutes Zeichen, dass sich der Aufwand lohnt.

Keyfacts

  • Videorecruiting als System aus Formaten entlang der Candidate Journey
  • Konkrete Einblicke in Menschen, Aufgaben und Arbeitsalltag statt reiner Textanzeigen
  • Sprache und Dialekt als Hebel für Nähe und Glaubwürdigkeit im Recruiting
  • JOBSAROUND-Relaunch mit Fokus auf datenbasierte Videoformate und bessere Einbindung in Stellenanzeigen

Über den Autor

Daniel Merkel ist Gründer von JOBSAROUND und Inhaber der Agentur DER PUNKT in Karlsruhe. Seit mehr als zehn Jahren entwickelt er mit seinem Team Videoformate für Recruiting und Employer Branding und begleitet Unternehmen dabei, Videorecruiting als festen Bestandteil ihrer Personalgewinnung aufzubauen.

Pressekontakt

Daniel Merkel
Gründer JOBSAROUND
DER PUNKT GmbH · Marketingagentur Karlsruhe
dm@jobsaround.tv

www.jobsaround.tv · www.derpunkt.de